PUBLICATION

MAGDA KRAWCEWICZ – UNDER THE SKIN THE MOON IS ALIVE*


God has given you one face, and you make yourself another.

William Shakespeare, Hamlet

„Gott hat euch ein Gesicht gegeben, und ihr macht euch ein anderes“, wirft Hamlet seiner großen Liebe Ophelia in Shakespeares Tragödie vor. Dieses Ringen um die eigene Identität findet in den Arbeiten der Künstlerin Magda Krawcewicz auf lyrische Weise Ausdruck.
Ein zart glänzender Schimmer in der Farbe eines blassen Mondes versteckt sich hinter den vielen Gesichtern
der Ophelia. Mit geschlossenen Augen scheint sie immer wieder in anderer Gestalt nach innen zu blicken – wer die Maske wendet, sieht sich rückseitig der ganzen Komplexität der Figur gegenüber, ihrer schillernden Vielgestaltigkeit.
Im Großen wie im Kleinen besteht das Sein aus Dualitäten, die durch fein tarierte Gleichgewichte im Lot gehalten werden. Licht und Dunkelheit, Gut und Böse bilden je zwei Hälften eines Ganzen, das sich im Menschen in der Frage nach der eigenen Identität bündelt. Die pudrig weißen Gesichter der Ophelia verbergen rückseitig die Tiefen des Bewusstseins.
Federn oder die schuppige Haut einer Schlange sind zartgliedrig in das filigrane Porzellan eingearbeitet und erwachen durch die Glasur zu irisierendem Leben. Auch sie sind Sinnbilder der Veränderungen, die sich bereits im Titel der Ausstellung ankündigen – denn der Mond ist hier nicht nur lebendig, sondern durchläuft in seinen Zyklen ebenfalls einen permanenten Wandel, bleibt nie stehen, ändert sich so stetig, wie die Schlange ihre Haut abstreift. Identität wird hier auf sinnlich-poetische Weise zu einem Prozess, der in den Porzellanskulpturen auf nachdenkliche und im selben Augenblick ästhetische Weise eine Gestalt erhält. Wer bin ich, und wer will ich sein? Die zerbrechliche Schönheit des Materials im Kontrast zu bewusst stehen gelassenen Rissen und Brüchen pointiert den Facettenreichtum des Ringens um Antworten.
Auf tragische Weise ist auch Medusa der Frage nach der eigenen Identität unterworfen. Einst verführerisch schön, wird sie in eine Schreckgestalt mit Schlangenhaaren verwandelt. Und ist Namenspatin der Qualle, die ebenfalls der Transformation unterworfen ist und hier als leuchtendes Wesen in einer tintenblauen Malerei auftaucht. In einem Ozean, der so tief ist wie die menschliche Psyche, stellt sie eine Entwicklungsstufe dar: Einstmals war die Medusa ein auf einem Stein verwurzelter Polyp, von welchem sie sich abgespalten hat und fortan im Ozean schwimmt, wo sie sich so frei bewegt wie die Korallenabdrücke aus Porzellan, die die Künstlerin sich ungehindert über die Wand ausbreiten lässt. Als wären sie lebendig, wachsen sie in die Höhe und lassen sich ebenfalls als Sinnbilder der Tiefen des Bewusstseins verstehen. Dass die Koralle in der Ikonographie ein Attribut der Kindheit ist, verweist ein weiteres Mal auf den endlosen Wandel und den Zyklus des Kindseins, des Abnabelns und Sich-Freischwimmens und der Suche des erwachsen werdenden Menschen nach sich selbst.
Als sensible Beobachterin einer Zeit, in welcher gerade die neuen Technologien in Form sozialer Netzwerke gänzlich neue Anforderungen an den Kampf um die eigene Identität stellen, findet Magda Krawcewicz in den Malereien in Tusche und Gouache und ihren Skulpturen einen faszinierenden bildlichen Ausdruck für einen hoch theoretischen Gedankenkomplex. Sämtliche Zweifel und Möglichkeiten fängt sie in ihrer zarten Formensprache ein. Feinsinnig verwebt sie die Themen Identität und Selbstsuche zu einem Netz, dessen Struktur so durchscheinend ist wie die Medusen selbst und das nur sehen wird, wer sich Zeit nimmt und sich darauf einlässt.


Anne Simone Krüger, Kunsthistorikerin

* Der Titel entstammt dem Gedicht Ode to a Naked Beauty von Pablo Neruda.