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Magda Krawcewicz – „I draw a line to your heart today...“

Der Ausstellungstitel ist eine Liedzeile der britischen Songwriterin PJ Harvey. Rebellische Punkrhythmen und lyrischer Text scheinen für sie kein Widerspruch zu sein. Ihre künstlerische Metapher formuliert die roman- tische Sehnsucht, einen anderen Menschen in seinem Innersten zu berühren. Damit ist auch Wesentli- ches zu Magda Krawcewicz gesagt, die mit ihrer Kunst versucht, „innere“ Beziehungen herzustellen und scheinbar Divergierendes zusammenzuführen. In Malerei, Aquarell und Porzellanarbeiten webt sie ein ebenso feinsinniges wie weitreichendes Geflecht, das die tiefe Verbundenheit aller Dinge ahnen lässt.
Die Linie erweist sich hierbei als ein wichtiges Medium der Künstlerin. In ihrer Gestaltung ist sie das primum movens: Ohne vorausgehende Kompositionsskizze führt die frei gesetzte Linie zu etwas ursprünglich nicht Gesuchtem. „Serendipity“, so ein früher Bildtitel, beschreibt das Prinzip einer zufälligen Beobachtung, betont aber zugleich eine darüberhinausgehende Untersuchungstätigkeit, in die emotionale, imaginative und kognitive Fähigkeiten gleichermaßen einfließen. Sensorisch folgt die Linie dem Spürsinn der Künstlerin. Im schöpferischen Zusammenspiel von Zufall und Ausdeutung werden Farbereignisse und Bildgegenstand eins. Bewusst belässt Magda Krawcewicz ihre Darstellungen im Zuständlichen zwischen Abstraktion und Figuration, lotet behutsam die Dimensionen menschlich-leiblicher Existenz aus. Die Offenheit der Gestaltung steigert die Assoziationsfülle und Imaginationskraft des Betrachters. Der geheimnisvolle Weg der Erkenntnis aber führt nach Innen. Transluzente Farbschichten zeigen die Haut des menschlichen Körpers als eine durchlässige Membran. Inneres und Äußeres, Leibliches und Seelisches überlagern sich auf der Ebene des Malgrundes. Eine Offenle- gung des Inneren und eine Verschmelzung mit dem Anderen erscheint möglich, doch die Entgrenzung und der Verlust der schützenden Hülle führt auch zu Verletzbarkeit. Durch malerische Erosionsereignisse wird die fluide Qualität des Lebens spürbar. Überall lauert die Gefahr eines Umschlagens des utopischen Augenblicks in Dystopie.
Die Linien auf der Leinwand finden eine Entsprechung in den Porzellanarbeiten der Künstlerin: schlan- genartige Körper ruhen schwerelos auf dem Untergrund - verführerisch und bedrohlich zugleich. Die Textur der Oberfläche entsteht aus Abformungen gefundenen Materials, aber nicht von Schlangenhaut. So wird aus der Negativform ein plastisches Positiv und die wesensfremde Stofflichkeit verwandelt sich in et- was Neues. Die taktile Qualität der fragilen Objekte stimuliert den Tastsinn des Betrachters und steigert das Bedürfnis nach Berührung. Die geweckte Sehnsucht nach diesem sinnlichen Erlebnis aber führt zurück in die Bilder, in denen wir intensiv durchblutete Hände als Energiezentren sehen – bereit zur „Ein-Fühlung“.
In zarten Aquarellen verbindet sich die Linie neuerdings mit dem Symbol der Feder. Reagierend auf den leisesten Windhauch steht sie für die Fähigkeit, unsichtbare, kaum wahrnehmbare Strömungen aufzu- nehmen. Dem Element der Luft zugehörig verweist sie zudem auf den spirituellen Lebensbereich, mit welchem die Welt transzendiert werden kann. Forscher glauben, dass sich das Federkleid der Vögel aus den Schuppen urzeitlicher Reptilien gebildet habe. Tatsächlich vereinen mythische Wesen wie der gefiederte Schlangengott Quetzalcoatl der Maya die Sphären von Himmel und Erde. Schlangenartige Federn er- scheinen in den aus Porzellan geformten Masken der Künstlerin. Wieder offenbart sich die Verbindung zum Mythologischen. So gab es in der griechischen Antike zwei Ur-Masken: Medusa und Dionysos. Während der Satyr den schöpferischen ungestalteten Kräften in der Natur ein Gesicht gab, verband man mit dem Schlangenhaupt der Gorgone das Magisch-Schöne und zugleich das Dämonisch-Zerstörerische. Auch in den Werken von Magda Krawcewicz sind Eros und Thanatos, Leben und Tod untrennbar verbunden.
Dagmar Lott-Reschke